Wanderwagen II - Anforderungen

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Wanderwagen

    Wanderwagen werden regelmäßig im Forum diskutiert. Dabei werden meist immer wieder dieselben Fragen gestellt und dieselben Antworten gegeben. In diesem Artikel soll ein Überblick über bekannte Bauarten sowie Kriterien für die Auswahl eines Wagens gegeben werden.

    Eine Dokumentation unseres werten Baumkinds in Zusammenarbeit mit: Konradsky, schwarzzelter, Desertstorm, xuanxang
    Wanderwagen


    2. Anforderungen an einen Wanderwagen

    Wer die Wahl hat, hat die Qual. Welcher Wanderwagen der richtige ist, hängt von den Anforderungen ab. Deshalb sollen hier mögliche Anforderungen an einen Wanderwagen kurz umrissen werden.


    2.1 Was soll transportiert werden?

    Für unterschiedliche Einsatzzwecke gibt es unterschiedliche Wagen: Für eine Kiste Bier oder Feuerholz bieten sich Leiterwagen an, in Haus und Garten passt fast alles auf eine Schubkarre.

    Im Bereich Bushcraft wird man wohl seine Ausrüstung über längere Strecken transportieren wollen. Das Gewicht liegt üblicherweise zwischen 10 und 20 kg. Denkbar sind aber auch der Transport von Kindern, Hunden oder schwerer Spezialausrüstung.

    Der Wagen sollte dem zu erwartenden Ladegewicht entsprechen: Kinderwagen-Anhänger sind bis ca. 45 kg Nutzlast zugelassen, wohingegen Rollstuhl-Steckachsen deutlich mehr Nutzlast vertragen dürften.


    2.2 Wie soll die Last transportiert werden?

    Wenn man an einen Rucksack gewöhnt ist, wird man zunächst einmal den Rucksack auf den Wagen schnallen wollen. Allerdings sind moderne Rucksäcke hierfür nicht geeignet, da Schulter- und Hüftgurte ständig im Weg sind, und Bänder sich schnell in den Rädern verfangen können.

    Weitere Möglichkeiten wären eine Alu-Transportkiste oder eine Reisetasche.


    2.3 In welchem Gelände soll der Wagen eingesetzt werden?

    Möchte man mit seinem Wanderwagen überwiegend gerade Wege und ausgebaute Strassen gehen, reichen kleinere Räder. Im Gelände sind größere Räder (20") ein Muß. Außerdem muß der Wagen stabil genug sein, um über Wurzeln und Steine rumpeln zu können, ohne gleich Schaden zu nehmen.

    Vorteil eines Wagens, der alleine mit einem Zuggurt bewegt werden kann, ist, dass man die Hände z.B. für Wanderstöcke frei hat.

    Ein weiterer Aspekt ist, ob der Wagen bequem zu ziehen ist oder nur geschoben. Auf kürzeren Strecken ist dies nicht so wichtig. Aber wenn man mehrere Tage am Stück den Wagen stundenlang zieht, ist wichtig, dass der Zuggurt passt und der Wagen spurt.

    Die Erfahrung zeigt, dass auch Wagen, die normalerweise gezogen werden, unter Umständen auch mal geschoben werden. Wenn es steil bergab geht, ist es sinnvoller, den Wagen wie eine Schubkarre vor sich her zu führen, damit man ihn zur Not alleine ins Tal rauschen lassen kann. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn der Wagen auch noch den Wanderer in die Tiefe reißt.


    2.4 Stabilität und Reparierbarkeit

    Im Gelände unterliegt ein Wanderwagen hohen Belastungen. Der Wagen muß deshalb stabil genug sein. Stabilität hat jedoch den Nachteil, dass sie meist zusätzlich kostet und wiegt. Früher oder später wird ein Wagen an der einen oder anderen Stelle kaputt gehen, was wiederum Aufwand und Kosten verursacht.

    Wichtige Fragen sind deshalb:
    • Ist der Wagen stabil genug?
    • Welche Teile können kaputt gehen?
    • Kann man das unterwegs reparieren?
    • Welche Ersatzteile werden ggf. benötigt? Sind das teure oder schwer zu beschaffende Teile?
    • Welche Werkzeuge müssen mitgeführt werden?
    Bei einem selbst gebauten Wagen können z.B. Schrauben so gewählt werden, dass sie mit einem Mini-Multitool für Fahrräder festgezogen werden können. Was passiert, wenn man eine Schraube unterwegs verliert? Braucht man Ersatzteile? Oder kann man den Wagen notfalls mit selbst gebushcrafteter Brennessel-Schnur zusammentüddeln?

    Ein Wagen aus Normteilen und Alustangen kann leichter repariert werden als einer mit speziellen Materialien oder aufwendig gestalteten Bauteilen.




    2.5 Wagengewicht

    Die Tatsache, dass mit waagerechten Wagen selbst hohe Lasten von einem Kind bewegt werden können, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Berg jedes Gramm zählt. Sowohl hoch als auch runter.

    Ein Wagen sollte deshalb zunächst einmal leicht sein: leichte Materialien, Leichtbauweise.
    Schnickschnack mag vielleicht nützlich erscheinen, bedeutet aber auch zusätzliches Gewicht ohne oder mit nur geringem Nutzen (z.B. Bremsen).


    2.6 Wagenteile

    2.6.1 Räder

    Wanderwagen können zwischen ein und vier Rädern haben. Vier Räder lassen sich deutlich schwerer steuern als drei, zwei oder sogar nur ein Rad.
    • Ein Rad: der Wagen muß über die Hüfte bzw. mit den Händen stabilisiert werden
    • Zwei Räder: lassen sich leicht steuern, können fast die gesamte Last tragen
    • Drei Räder: Wagen steht von alleine, ist wendiger als ein vierrädriger
    • Vier Räder: im Outdoorbereich nur in Ausnahmefällen sinnvoll; Achsen müssen ggf. beweglich gelagert werden.
    Je größer die Räder, desto ruhiger läuft der Wagen. Kleinere Räder eignen sich nur für ebene Wege. Ein gutes Maß sind 20"-Räder, wie sie auch an Kinderwagen und Kinderanhängern verbaut werden. Diese gibt es praktischerweise mit Steckachsen. Denkbar sind aber auch größere Räder, z.B. Fahrrad-Räder.



    Japanische Ricksha (Public Domain, commons.wikimedia.org/wiki/File:JapaneseRickshaw.jpg): Große Räder große Laufruhe. Radabstand und Radgröße dürften für den Off-Road-Bereich nicht geeignet sein.

    Die Räder können auf unterschiedliche Weise mit dem Wagen verbunden werden. Praktisch sind Steckachsen, die mit einem Knopfdruck gelöst werden können. Es gibt aber auch Anhänger mit Rädern, deren Achsen an beiden Seiten befestigt wird.

    Der Radabstand gibt vor, wo man mit dem Wagen noch durch kommen kann. Es gibt Wanderwege, wo der Zugang von der Breite her begrenzt ist.

    Während bei Fahrradanhängern die Räder üblicherweise gerade stehen, lohnt es sich bei Wanderwagen, die Räder wie bei einem Rennrollstuhl schräg zu stellen. Dadurch wird die Kippsicherheit deutlich erhöht.



    Breite und Art der Bereifung hängen wesentlich vom Einsatzbereich ab. Im Sand sind breite Reifen angenehmer, da sie nicht so tief einsinken. Schmalere Reifen sind hingegen leichter. Üblicherweise wird man mit normalen Luftreifen auskommen. Aber es mag Gründe geben, z.B. auf eine schwerere Vollgummibereifung zu wechseln, wie man es auch von Rollstühlen her kennt, um beispielsweise den Wagen über scharfkantiges Lavagestein zu bewegen.


    2.6.2 Achse

    Die Anzahl der Achsen ergibt sich aus der Anzahl der Räder. Ein Wagen wird entweder eine oder zwei Achsen haben. Bei zwei Achsen wird die Last in der Regel zwischen beiden Achsen liegen, so dass der Wagen alleine steht. Bei einer Achse kommt es darauf an, ob das Gewicht auf der Achse liegt oder zwischen Achse und Wagenführer.

    Die Position der Achse bzw. der Achsen entscheidet über die Lastverteilung:
    • Zwei Achsen: Die Last liegt komplett auf den Achsen
    • Achse hinten: (a) Gewicht steht senkrecht auf der Achse, (b) Gewicht liegt zwischen Achse und Träger
    • Achse mittig: Gewicht lastet vollständig auf der Achse bzw. auf beiden Achsen
    Eine Achse muß nicht physikalisch vorhanden sein. Achsaufnahmen können auch an der Ladefläche angebracht werden, direkt an der Transportkiste montiert werden, auf einem Rahmen montiert werden.



    Photo by Konradsky - Wagen mit der Achse eines Fahrradanhängers: durch die U-förmige Biegung liegt der Schwerpunkt unterhalb der Achse.


    2.6.3 Ladefläche

    Die Ladefläche kann starr aus Holz oder Metall sein, oder flexibel, aus Stoff oder Schnüren. Eine starre Ladefläche hat den Vorteil, dass der Wagen unterwegs als Tisch genutzt werden kann. Eine flexible Ladefläche eignet sich nicht gut für Transportkisten.

    Nachteil einer flexiblen Ladefläche ist, dass die Ladung von unten beschädigt werden kann, wenn der Wagen über Stock und Stein rumpelt.

    Muss die Last befestigt werden? Wie groß ist der Aufwand? Reichen einfache Gurtbänder oder Riemen aus?
    Kann sichergestellt werden, dass sich die Last gerade in schwierigerem Gelände, wo schnelles Richten nicht möglich ist, nicht löst oder verrutscht?

    Der Schwerpunkt der Ladefläche im Verhältnis zur Achse trägt wesentlich zur Stabilisierung des Wagens bei. Je tiefer der Schwerpunkt ist, desto geländegängiger ist der Wagen.


    2.6.4 Deichsel

    Die Deichsel ist die Verbindung zwischen Wanderwagen und Wanderer. Hierüber wird der Wagen gesteuert. Dies ist auch das Element, welches die größte Belastung trägt - und deshalb am ehesten kaputt geht. Bei der Deichsel ist deshalb darauf zu achten, ob sie stabil genug ist, und wie sie ggf. repariert werden kann. Während ein Bollerwagen üblicherweise nur eine Deichsel hat, haben sich im Bereich Wanderwagen zwei Deichseln durchgesetzt.

    Für die Transportierbarkeit kann entscheidend sein, ob die Deichseln abgenommen werden können oder fest mit dem Wagen verbunden sind.

    In der Regel geht ziehen deutlich leichter als schieben, und bei der Verwendung eines Zuggurts hat man beide Hände frei. Gerade wenn es steil bergab geht, ist es manchmal sicherer, einen Wagen zu schieben anstatt zu ziehen.

    Die Deichselholme sollten soweit auseinander sein, dass der Führer des Wagens sich bequem damit drehen kann. Damit kann man sich auch schnell mal bewegen, um z.B. am Wegesrand etwas zu betrachten, ohne sich gleich Abschirren zu müssen oder den Wagen mit einem größeren Manöver mit sich zu bringen.

    Zu eng stehende Deichselholme sind außerdem einer starken Belastung ausgesetzt, weil man ständig dagegen stößt, so dass sie auch schnell kaputt gehen könnten.
    • Lenken die Deichseln den Wagen sicher?
    • Sind die Deichseln stabil genug?
    • Wie lang ist das Gespann insgesamt? (Wendigkeit, besonders auf schmalen und steilen Wegen)
    • Sind die Deichseln weit genug auseinander?
    Meine Präferenz ist, dass ich mich innerhalb der Deichsel um bis zu 90° drehen kann, ohne den Wagen abschirren zu müssen. Diese Bewegungsfreiheit empfinde ich als sehr angenehm.
    • Kann man den Wagen wie eine Schubkarre an den Deichseln festhalten?
    Das kann in schwierigem Gelände wichtig sein.
    • Können die Deichseln z.B. bergab "durchrutschen", so dass man den Wagen in den Hacken hat? Oder gibt es eine Querstange / Schnurr, die dies verhindert?


    2.6.5 Zuggurt

    Zuggurte können auf der Hüfte und / oder auf den Schultern aufliegen. Sind die Gurte stabil genug? Breit genug? Schmale Gurte schneiden ein.
    Kann der Zuggurt leicht geöffnet werden? Wie sind die Deichseln daran befestigt? Kann der Wagen leicht gelöst werden?

    Passt der Zuggurt zum Wanderer? Welche Einstellungen können verändert werden?




    2.7 Transportierbarkeit & Aufbewahrung

    Die wenigsten Touren beginnen direkt vor der Haustür. Je nach Zielgebiet ist die Transportierbarkeit des Wagens deshalb wichtig:
    • Auto
    • Öffentliche Verkehrsmittel
    • Bahnhöfe
    • Flugzeug
    Kann man den Wagen z.B. in der Eisenbahn ein paar Stufen hochheben?

    Gerade bei der Eisenbahn muß immer berücksichtigt werden, dass kleinere Regional-Bahnhöfe nicht über barrierefreie Zugänge verfügen, so dass man mit dem Wagen vielleicht eine große Treppe bewältigen muß. Rolltreppen und Aufzüge sind in der Regel kein Problem.



    Die Möglichkeit, den Wagen mit einem Handgriff ein paar Stufen hochheben zu können, wird man spätestens dann zu schätzen wissen, wenn man den Wagen in einen alten DB-Wagon hieven möchte.

    Die Frage nach der Transportierbarkeit des Wagens kann aber auch unterwegs entscheidend werden, z.B. wenn der Weg um einen Felsvorsprung zu schmal für den Wagen ist, ein Baum quer liegt, oder der Weg zu abschüssig ist:

    (1) Wie einen Rucksack tragen: Das scheint auf den ersten Blick sehr praktisch. Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass das Gesamtgewicht recht hoch sein kann. Deshalb wird man den Wagen nur auf kurzen Strecken tragen wollen. Außerdem stellt sich die Frage, ob man einen Weg, den man mit Wanderwagen nicht begehen kann, mit einem solchen Gewicht auf dem Rücken noch sicher begehen kann.

    (2) Abseilen: Kann der Wanderwagen abgeseilt werden? Z.B. an Leitern? Oder an besonders steilen Wanderwegen? Hat der Wagen eine Möglichkeit, um ein entsprechendes Seil oder Gurtband zu befestigen? Hat man ein entsprechendes Seil / Gurtband dabei?









    Photo by xuanxang


    2.8 Umbaumöglichkeiten

    Damit ein Wanderwagen auf längeren Strecken genutzt werden kann, ist es wichtig, dass er an den Körper des Ziehenden angepasst ist. Passt der Wagen? Kann man unterwegs Anpassungen vornehmen, z.B. Höhe der Deichsel einstellen? Gerade wenn mehrere Personen sich abwechseln möchten, kann dies wichtig werden. Bei längeren Touren ist es manchmal auch ganz angenehm, die Einstellungen verändern zu können.

    Soll der Wagen auch anderweitig verwendet werden, z.B. als Hundewagen oder Fahrradanhänger? Evtl. auch mit Kufen? Sowohl die Anhänger von hinterher.com als auch der Benpacker können mit wenig Aufwand für andere Zwecke umgebaut werden.


    2.9 Bremsen

    Eine Bremse ist nicht notwendig, kann aber bei starkem Gefälle und hoher Last sehr vorteilhaft sein. Sie bedeutet aber nicht nur zusätzliches Gewicht, sondern auch mögliche Reparaturen und/oder Wartungsarbeiten. Auf längeren Touren empfiehlt es sich also, gewisse Ersatzteile und entsprechendes Werkzeug (z.B. Multitool) eingepackt zu haben.

    Abhängig vom zu transportierenden Gewicht, Gelände und der Konstruktion des Wanderwagens eignen sich auch Deichsel/Rahmen als Bremse. Mit den Armen lässt sich ein leichteres Gewicht aber ebenso gut abfangen. Vorlieben und Ansprüche sollten also gut abgewogen werden. Die Mehrheit tendiert zur Bremse.

    716 mal gelesen