Die Mär vom edlen Wilden

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    • Guter Hinweis. Ich werde mir den Artikel heute abend mal durchlesen. Diese Überromantisierung des "Wilden", also sowohl "wilder" Menschen, als auch wilder Tiere und der Wildnis an sich, scheint mir ein typisches Merkmal einer naturfernen und starkem Bevölkerungs-, Leistungs- und Sozialdruck ausgesetzter Gesellschaften zu sein (selbst meine Lieblingsjagdzeitschrift trägt mittlerweile den Untertitel "Respekt vor dem Wilden"). Daher versuche ich auch immer sowohl einerseits neugierig, andererseits aber auch nüchtern an neue Themengebiete dieser Art heranzugehen.

      Der "Edle Wilde" ist aber ohnehin eine recht neue Erfindung. Jüngst sah ich kurz eine TV-Reportage über das Buch einer Historikerin, die darin mit der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia, dem damaligen Südwestafrika, abrechnet. Sie beschreibt die Herrschaft der Deutschen sinngemäß als ein "Klima permanenter Gewaltandrohung". Dies ist zwar nicht vollständig falsch, blendet aber die Situation vor Ankunft der Deutschen aus: Wer sich mit der Geschichte, insbesondere der gemeinsamen zw. Herero und Damara, beschäftigt hat (in Kenia/Tansania mit den Massai, Kikuyu, Turkana, etc. nicht viel anders) oder wie dort mit den San umgegangen wurde, der sieht die Sache etwas umfassender. Es relativiert nicht das Bild der Kolonialherren (oder der Kolonialisierung an sich), ergänzt es aber sinnvoll und notwendig.

      Oder auch die Marter bei einigen Indianerstämmen: Man wurde so lange es irgend möglich ist gefoltert, je tapferer und stärker ein Krieger, desto langsamer und quälender. Hört sich echt unromantisch an. Es gibt da so mannigfaltige Beispiele, weltweit... ABER: So etwas finden wir eben tatsächlich überall, auch in der eigenen Geschichte! Es ist also ebensowenig zur Selbsterhöhung geeignet wie zu übertriebender Idealisierung.
    • Friese schrieb:

      Sehr lehrreich auch die Geschichte der Mayas/Inkas usw.
      Es war doch Tarquinius, einer der Könige in der Frühzeit Roms, der schrieb: "Tugend ist Mangel an Gelegenheit." Und da hat er weitestgehend recht. Unabhängig von Zeit und Ort.
      Man muss sich auch vor Augen führen, dass viele der Kulturen, welche man gerne als primitiv bezeichnet, eigentlich bereits Chiefdoms oder fortgeschrittene Stammesgesellschaften mit einem gewachsenen hochkomplexen Sozialgefüge, wo die einzelnen teilweise sehr wenige persönliche Freiheiten hatten.
      Man kann dass was wir als "natives" bezeichnen gar nicht alles über einen Kamm scheren.
      Nur in den Allerextremsten Lebensräumen konnten sich gewissermaßen Urgesellschaften halten. Überall wo die Naturräumlichen Bedingungen es zuließen entwickelten sich komplexe Gesellschaftformen deren Riten und Gerbäuche, den rousseaschen intuitiven Urmenschen teilweise stärker überprägten als bei uns heutzutage der Fall ist, ganz besonders in den postindutsriellen Gesellschaften wo wir die Möglichkeiten haben Grundfesten unserer Gesellschaft zu hinterfragen.
      Viele dieser Kulturen sind jedoch Gefangene ihres Gesellschaftssystems.
      Niemand
    • Diese "Mär" vom "edlen Wilden" hat ja Roussou in die Welt gesetzt.
      Sicher ist das ein "sinnbefreites" Überromantisieren (oder um es mit hierigen Worten anders zu formulieren: "Früher war alles besser").
      Das solche Bilder mit der Realität meist nix zu tun haben, steht auf nem anderen Blatt.

      Die Metapher des "edlen Wilden" entwickelte sich als Merkmal in den 60ern, und kam durch die Hippies; übervoll vom Konsum und der Dekadenz; und da klang eben der "Ruf nach Einfachheit".
      Sicher kann man "Native" nicht über einen Kamm scheren, dafür gibts zuviele und Verschiedene.
      Das Symbol drückt einfach bei den meisten eine Art "Hilferuf" aus. Gab darüber ja auch schon Artikel in Science Magazin und bei Psychologie-heute.

      Solange solche "Mär" jedoch besteht, und Menschen zum "Umdenken" bewegt, würde ich das nichtmal kritisch betrachten.
      Das lässt sich ebenso auf andere Bereiche ausdehnen, wo Glorifizierte Vorstellungen herrschen:

      Bei den Wikingern/Rus (sag nur Hörnerhelm und Berufsräuber).... Oder, szenegerecht, die Trapper.... keltische Stämme; Mittelalter (was ja "nur" ca 1200 jahre sind) usw usf.
      WENN, dann alle Möglichen Aspekte und Teile dabei beleuchten und ansehen. Sonst wirds einseitig und verdreht nun nochmehr...
    • Mal wieder was neues:

      spiegel.de/wissenschaft/natur/…grossfauna-a-1130858.html

      Ich verfolge das Thema schon seit Jahren.
      Es ist aber menschlich recht verständlich. Menschen werden erst überhaupt auf ihre Ressourcen achten wenn es schon zu knapp ist oder gar eine Katastrophe droht.

      Die Maori haben ihre Umwelt auch rücksichtlos ausgebeutet, bis fast nicht mehr da war und dann mussten sie plötzlich umdenken.
      Überhaupt erst dann hat sich ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Gleichgewicht eingestellt.
      Niemand
    • Desertstorm schrieb:

      Die Maori haben ihre Umwelt auch rücksichtlos ausgebeutet, bis fast nicht mehr da war und dann mussten sie plötzlich umdenken.
      Du meinst sicherlich ihre Vettern auf der Osterinsel/Rapanui? Die Maoris in Neuseeland waren zwar auch nicht zimperlich, aber vermutlich nicht weit überdurchschnittlich... Und einige Arten haben sie ja quasi aus Versehen ausgerottet. Da fehlt natürlich auch Vergleichsmasse, da die Inseln ja so früh vom Urkontinent Gondwana abgetrennt wurden, dass sich dort eine gänzlich andere Artenvielfalt entwickelt hat - mit nur zwei endemischen Vertretern der Säugetiere (wen überrascht's: Fledermäuse...). Die Ratten und Schweine der Polynesier war da natürlich fatal. Und dann die ganzen leicht zu erbeutenden flugunfähigen Vögel - konnte ja fast nicht anders ausgehen.

      Daher unterschreibe ich Deinen Kernsatz, die Menschen lernen erst, wenn es (ggfs. fast) zu spät ist. So lange noch reichlich "freie Natur" verfügbar ist, so wie auch heute noch in NZ, ticken die Menschen anders. Die Kiwis, so wie ich sie kennengelernt habe, gehen viel weniger hysterisch mit der Natur um als etwa die Deutschen (tm).

      Literaturtipp: Jared Diamond, "Kollaps" - da wird u.a. die Osterinsel behandelt.
    • Die Osterinsel ist auch ein gutes Beispiel.

      Auf Neuseeland konnte man das schlimmste tatsächlich noch durch ein Umdenken verhindern.
      Zum Schutz der eigenen Ressourcen und Umwelt wurden dann Tabus, Betretungsverbote und Jagdverbote ausgesprochen. Der schonende Umgang mit den Ressourcen musste erst erlernt werden.

      Ein Ausnahme ist Afrika, wo die Megafauna noch größtenteils existiert.
      Niemand
    • Der kleine aber feine Unterschied zum hier & jetzt ist, dass der Mensch damals unmittelbar die Folgen der Wachstumsbegrenzung zu spüren bekam, vor allem in Polynesien. In der ersten Welt haben wir aktuell ein "Lernproblem", da wir den Großteil unserer Umweltschäden & -schulden in anderen Ländern verursachen bzw. die globalen Effekte zu langsam sind als dass unser doch verhältnismäßig primitives Gehirn kausale Zusammenhänge findet. Und ohne Kausalität keine Verhaltensänderung. Da braucht man garnicht mal bis zu Artenverlust und Klimawandel schauen. Das greift auf allen Ebenen wo gesellschaftliches Umdenken angebracht wäre.
      Skal hilse fra fjellet – det evige land,
      hvor moskus og jerven har bolig.
      Min lengsel dit inn er blitt som en brann.
      Kun der får jeg fred og blir rolig...

      Jon Ø. Hov

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